Maden im Pilz: Ekel, Gefahr oder faszinierende Waldbiologie?
Wer kriecht da durch deinen Röhrling, macht dich das krank – und woran du erkennst, ob der Pilz noch in die Küche darf.
Der Steinpilz steht wie aus dem Bilderbuch im Moos: fester Hut, dicker Stiel, keine Schnecke weit und breit. Du schneidest ihn auf – und blickst in ein Netz aus feinen Gängen. Mittendrin winden sich kleine weiße Maden.
Ärgerlich, aber kein Grund zur Panik. Und eigentlich ziemlich spannend.
Kurz gesagt: Ein paar Maden in einem frischen, festen Pilz machen dich nicht krank. Gefährlich ist ein verdorbener Pilz – egal ob mit oder ohne Maden.
Wer wohnt da?
„Pilzmaden“ sind fast immer Larven von Fliegen oder Mücken. In Steinpilzen, Maronen und anderen Röhrlingen sind zwei Gruppen besonders häufig – und du kannst sie mit bloßem Auge auseinanderhalten:
Hat die Larve einen schwarzen Kopf? Dann ist es eine Mückenlarve, meist von Pilzmücken oder Trauermücken. Diese Larven haben eine harte, dunkle Kopfkapsel.
Ist die Larve rundum weiß und vorne spitz? Dann ist es eine Fliegenmade. Fliegenmaden haben keinen richtigen Kopf, nur winzige Mundhaken. In Röhrlingen sind das oft die Röhrlingsfliegen der Gattung Pegomya. Manche Arten sind regelrechte Spezialisten: Sie legen ihre Eier gezielt in die Röhrenschicht junger Röhrlinge.
Genau bestimmen lassen sich die Arten so nicht – aber „Mücke oder Fliege“ schaffst du mit einem Blick.

Warum ist ausgerechnet mein Pilz befallen?
Die Eier werden oft schon gelegt, wenn der Pilz gerade erst aus dem Boden kommt. Deshalb kann auch ein junger, makelloser Steinpilz innen schon bewohnt sein. Die Larven fressen sich durch Stiel und Hut, häufig von der Stielbasis aus nach oben. Zum Verpuppen verlassen viele den Pilz und ziehen in den Boden.
Ob dein Fund viele, wenige oder gar keine Maden hat, hängt vor allem davon ab, wie lange er schon steht, wie warm und feucht es ist und wie viele Fliegen und Mücken gerade unterwegs sind. Bei warmem Wetter im Spätsommer sind Röhrlinge oft stark befallen, nach den ersten kühlen Nächten deutlich weniger.
Machen die Maden krank?
Die Larven selbst sind nicht giftig. Wenn du ein paar mitisst, passiert nichts – zumal Pilze ohnehin gründlich gegart werden, mindestens rund 15 bis 20 Minuten.
Das eigentliche Problem ist ein anderes: Pilze bestehen zu einem guten Teil aus Eiweiß und verderben ähnlich schnell wie Fleisch. Wer alte oder vergammelte Speisepilze isst, riskiert eine sogenannte unechte oder auch sekundäre Pilzvergiftung – im Grunde eine Lebensmittelvergiftung mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Laut Pilzsachverständigen ist sie eine der häufigsten Ursachen für Beschwerden nach einer Pilzmahlzeit.
Und hier kommen die Maden doch ins Spiel: Ihre Fraßgänge und Ausscheidungen beschleunigen den Verderb. Ein stark befallener Pilz ist deshalb meist auch ein Pilz, der schon „kippt“.
Der Madencheck: behalten oder aussortieren?
✅ Behalten: Pilz fest, riecht frisch, nur einzelne Gänge, meist im Stiel. Befallene Stellen großzügig wegschneiden, Rest verwenden.
⚠️ Aussortieren: Hut und Stiel großflächig durchlöchert, Fleisch weich oder schwammig, Röhren schmierig.
❌ Stehen lassen: Pilz matschig, schleimig, riecht muffig oder faulig. Daran ändert auch Kochen nichts.
So bringst du möglichst wenig Maden nach Hause
• Im Wald aufschneiden. Einmal längs durch Stiel und Hut – dann siehst du sofort, was los ist. Wurmstichige Reste bleiben gleich im Wald.
• Stielbasis prüfen. Dort fängt der Befall oft an. Ein Querschnitt unten am Stiel verrät viel.
• Junge, feste Exemplare bevorzugen. Alte, weiche Pilze lässt du sowieso lieber stehen!
Mehr als nur ein angefressener Pilz
So ärgerlich sie in der Küche sind: Für den Wald sind die Maden ganz normal. Ein Pilzfruchtkörper ist ein kleiner, kurzlebiger Lebensraum. Fliegen und Mücken ziehen darin ihren Nachwuchs groß, räuberische Kurzflügelkäfer jagen dort die Larven, winzige Schlupfwespen legen ihre Eier in sie hinein. Wenn der Pilz zerfällt, übernehmen Bakterien, Schimmelpilze und Bodentiere.
Forscher haben Hunderte Mückenarten gezählt, die auf Großpilze angewiesen sind. Manche sind wählerisch, andere nehmen fast alles.
Und ja – Insekten sind eiweißreich. Aber als Proteinquelle für deine Pilzpfanne empfehlen wir sie trotzdem nicht. 😉
Fazit
Ein paar Maden sind kein Drama: wegschneiden, Rest genießen. Worauf es wirklich ankommt, ist die Frische. Ein weicher, muffig riechender Pilz bleibt im Wald – egal, wie schön er von außen aussieht.
Und wie immer gilt: Iss nur Pilze, die du sicher bestimmt hast. Im Zweifel hilft eine Pilzberatung in deiner Nähe.
Quellen
- • Michelsen, V. (2015): Taxonomic review of the major larval pests of bolete fungi (Boletaceae) in Europe. Zootaxa 4020(1), 51–80. https://doi.org/10.11646/zootaxa.4020.1.2
• Jakovlev, J. (2012): Fungal hosts of mycetophilids (Diptera: Sciaroidea excluding Sciaridae): a review. Mycology 3(1), 11–23. https://doi.org/10.1080/21501203.2012.662533
• dpa/tmn: „Vorsicht Gammelgefahr – So erkennen Sie verdorbene Pilze beim Sammeln“, mit Stefan Fischer, Pilzsachverständiger und Präsidiumsmitglied der DGfM. https://www.volksstimme.de/leben/gesundheit/so-erkennen-sie-verdorbene-pilze-beim-sammeln-2009988
• Landeshauptstadt Hannover: „Weder roh noch alt“. https://www.hannover.de/Kultur-Freizeit/Geschichte-Geschichten/Echt-hannöversch/Zehn-Dinge/Zehn-Dinge,-die-man-über-Pilze-wissen-sollte/Weder-roh-noch-alt*





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